Gadamer, etwa zur Patientenverfügung

Nov 11, 15:41

In seiner 1980 gehaltenen Rede “Lob der Theorie”“ stellt Hans-Georg Gadamer zunächst fest, dass Lobreden einer aussterbenden Gattung angehören. Dennoch möchte er eine solche versuchen, und zwar auf die Theorie. Dabei gilt als Theorie, beginnend bei den Griechen der ideale gedankliche Entwurf. Dieser wird vor allem zunächst auf den Staat angewendet, später gilt der Begriff jedem Idealbild einer bestimmten Späre: Theorie der Öffentlichkeit, Theorie der Wissenschaft, der Gebäudesanierung, des Lebens etc.
Gadamer stellt nach einem Durchflug durch den europäischen Philosophie-Diskurs fest, dass spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts der “Fortschritt” die Leitungsrolle im öffentlichen Gespräch und Wertschätzung führt. Diesem Fortschritt durch Technik und Wissen folgt die Philosophie als “Einordner” von Effekten und Ergebnissen. Dementsprechend ist die “Theorie” als gedanklich-philosophischer Entwurf zum Diener des praktisch-technischen Fortschritts verkümmert.

Doch dieser Fortschritt hat, und hier wird es für jeden von uns interessant, nach Gadamer klare Unzulänglichkeiten:
Es gibt aber darüber hinaus eine weit grundsätzlichere Begrenzung der Möglichkeiten moderner Wissenschaft. Sie liegt überall dort vor, wo Objektivierung und methodische Vergegenständlichung eine grundsätzlich unangemessene Zugangsweise darstellen. Von dieser Art ist vieles, was uns im Leben begegnet, und einiges, was gerade darin seine einzigartige Bedeutung besitzt.

Ich finde das ist ein brillianter Gedanke: Die Wissenschaft muss die Tatsache zugeben dass die von ihr geschaffenen Zugänge ethisch und moralisch vollkommen offen sind. Und wer bespricht und verantwortet die mit schöner Regelmäßigkeit erscheinenden neuen Zugänge? Regierungskommissionen? Die Universitäten? Eine wie auch immer geartete Fachpresse? Die Tagespresse oder eine Beschwerdestelle?
Konkret:
Wer diskutiert wo über den Zugang von schießenden Drohnen in andere Länder? Oder die Speicherung von E-Mails in ungeahntem Umfang? Oder pränataler Diagnostik?

Philosophie lesen ist ein guter Anfang. Lest die Originaltexte und lasst euch von großen Namen nicht abschrecken. Auch Gadamer, Heidegger, Satre, Hegel, Hölderlin und Nietzsche und wie sie alle heißen, wollten vor allem gelesen sein.

,