Heimatkunde 2.0 - Bioregionalismus

Ziel dieser Themenseite ist eine Neudefinition von “Heimatkunde”, mit der Betrachtung darüber, welche Grundlagen und Elemente diese “Neue Heimatkunde” enthalten könnte und wie diese Disziplin
a) im Leben
b) in der Schule und
c) in der Erwachsenenbildung
konzeptionell und praktisch integriert werden könnte.

INHALT:

Einführung und Ziele

Wie könnten wir ein neues Verständnis von Heimat erhalten, das nicht reaktionär-niedlich ist, sondern ergebnisoffen und zukunftsgewandt? Wie könnten wir uns einen Heimatbegriff erarbeiten, der uns positiv und friedlich bereichert und aufgeschlossen wissend macht?
Der Gewinn aus dieser Haltung ist sicherlich ein reicheres Lebensumfeld, das in vielfältigere und stabilere Beziehungen mündet, die wiederum mehr Kontakt, mehr Wissen und mehr Vielfalt in der Lebensgestaltung bringen.
Alles positive Effekte, zu denen noch ein gesunder Stolz plus intellektueller Reflektion über einen Ort kommen könnte, der auch emotional befriedigt. Man schreibt es ungern nieder, aber es geht in die Richtung: Heimatliebe. Heimatliebe reloaded.
Dabei ist Heimatliebe als Begriff ganz und gar unmöglich. Die Zuwendung zum eigenen Winkel wurde schon den Romantikern im 19. Jahrhundert vorgeworfen. Die Moderne kam nach Deutschland und Mörike schrieb Märchen – unmöglich! Hundert Jahre später fand die Wandervogelbewegung nach dem Schock des Ersten Weltkrieges wieder zur Heimat mitsamt der Liebe zum Naturbusen zurück. Bestimmt wurden dort viele heiter und gesund. Aber wir sehen als Nachricht aus der Vergangenheit, ausgestellt in Büchern und Museen, nur sehr rudimentär die “fröhliche Wanderschar”, aber dafür umso größer die künstlerisch-großstädtische Antwort auf den Wahnsinn des Krieges – die Dada-Bewegung.

Bitte nicht falsch verstehen: Dada ist gut und wichtig, richtungsweisend und ein Weg in die Moderne! Mir geht es aber darum, wie wir den Begrif der Heimatkunde re-aktivieren können und in diesem Zusammenhang können wir ein Wiedererstarken dieser “back-to-the-roots”-Bewegung nachem dem 1. Weltkrieg sehen.
Übrigens genau in diese Zeit kam der Begriff der Heimatkunde in die offizielle Schulausbildung. Dazu wird später noch mehr zu sagen sein.

Dann machten sich die Nazis über die Heimat her, aber hallo! Und 20 Jahre später, nach einem weiteren Weltkrieg restaurierte der Heimatfilm der 50er einen Begriff, der schließlich erst durch die wunderbaren Revolutionen der 60er hinweggefegt wurde. Heimatkunde als begriff wird dann in den 80ern und 90ern in den Schulen als zzu eng abgeschafft und durch die Sachkunde bzw. Sach- und Heimatkunde ersetzt.

Wie könnte nun – in diesem neuen Jahrtausend – eine Heimatkunde 2.0 aussehen, die eine schulische und außerschulische Lerndisziplin sein könnte, eine Bürgerbewegung, ein Hobby , oder ganz allgemein: eine Lebenshaltung, die die Lebenswege rund um das eigene Bett mit mehr Wissen, Spaß und Verantwortung füllt?

Mir geht es darum, dass wir zurzeit aufgrund der zunehmenden Verfügbarkeit von Medien (und deren zunehmende Attraktivität) ein Verschwinden des Körpers feststellen können. Die Mediensphäre ergreift immer größeren Raum im Tagesablauf und Bewusstsein des Menschen. Medien aber erfordern meist eine still sitzende Rezeption, die alleine den Geist bedienen und fordern. In dieser Zeit verschwindet die reale Welt mit ihren körperlichen Zumutungen des realen Raumes, der realen Zeit und der für die Bewältigung notwendigen Energie.
Digitale Medien fördern damit die “Ort-losigkeit” des Menschen. Wer im Internet surft oder auf derm Sofa fern sieht, ist nicht bzw. nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden. Die Orientierung im und Interaktion mit dem Raum verschwindet. Der Rezpient ist nicht mehr für den Ort seiner Gegenwart verantwortlich. Genau das aber, die Verantwortungslosigkeit, lässt Orte und Plätze verarmen und schäbig werden. Wofür niemand verantwortlich ist, dafür muss der Staat oder die Gemeinde eintreten. Grenzt man die Verantwortungslosigkeit auf die Wohnung ein, dann sieht es eben dort so aus, wie es an einem Un-Ort aussieht.

Mich jedenfalls schert es nicht, denn ich bin nicht verantwortlich dafür.

Verantwortung für Plätze über Informationen?

Ich denke, dass mit der Informiertheit über einen Ort auch die Verantwortung für diesen Ort wächst. Das mag für den Müllberg im Pazifik nicht gelten, aber vielleicht für den Bahnhofsvorplatz, den man täglich betritt? Oder muss zur reinen Information über einen Platz (“Jeden Tag betrinken sich hier durchschnittlich 5,3 Menschen”) auch die “Backlinks” an den Empfänger kommen? Dass es also auch heißen muss: “Damit entstehen durch die Entgiftung und den Krankentransport dieser Betrunkenen der Gemeinde im Jahr etwa 16.000 Euro Kosten”?

Sicher ist, dass die Information über einen Ort nicht der Anfang der Reise sein kann. Es muss ein Interesse bestehen oder dieses Interesse soll geweckt werden.
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Bioregionalismus

Eine aus Amerika stammende Idee, nachdem über vorhandene Naturgrenzen (Gebirge, Wassereinzugsgebiete, Küsten, Wälder, etc.) eine spezielle Region definiert wird. Innerhalb dieser natürlichen Grenzen können dann Bewohner für diese Region ein Heimatgefühl entwickeln. Das umfasst einerseits die Verantwortung für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen, der insbesonders über Vernetzung erreicht wird. Dazu kann aber auch ein geradezu spirituelles Verhältnis zum “Geist des Ortes” gehören.

Eine gute Einführung in dieses Thema ist ein PDF, das allerdings schon aus dem Jahr 1995 stammt, geschrieben von Bernd Hamm und Barbara Rasche. Man findet es beim Open-Access-Volltextserver für Politikwissenschaft und Verwaltungswissenschaften.

Ein gar nicht mal so übler Eintrag der Wikipedia zum Begriff der Region.
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Stichworte

+*In Pseudo-Barock*: Bedeutet: Die wieder-Einführung der Heimathkunde als Kunst und Vergnügen auch bei den Erwachsen Ständen in Stadt und Land zu Vergnüg und Belahrung feyn aufgezeichnet.

+ in der Schule zur Sachkunde verbreitert, könnte die Neu-Definition auch sein: Welche Wunder erwarten mich in den nächsten 666 Meter rund um mein Bett?

+ Heimatkunde als Erwachsenenbildung ist m. E. keine dumme Sache, weil die wenigsten Erwachsenen 12 Fakten über die Straße aufzählen können, die sie jeden Morgen betreten. Alle wahren Aussagen sind erlaubt:

  • sie ist aus Asphalt
  • es stehen viele Autos auf ihr
  • Sie ist benannt nach …
  • ???
  • ???
  • Da kommt nix mehr. Man sieht: Heimatkunde, besonders für Erwachsene ist nicht so abwegig.

“Muss ich mehr über meine alsphaltierte Straße vor dem Haus wissen?” Genau daran werden sich die Meinungen scheiden. Wer lieber wegfährt oder ein stilles Hobby hat, wird nicht mehr wissen wollen. es sei ihm gegönnt. Wer sich für seine Umgebung interessiert wird darauf anspringen. Man kann auch mit Fug und recht behaupten, dass diese Art von Erkenntnisgewinn zu mehr Spaß und mehr sozialen Kontakten führt. Auch wer an Kinder etwas weitergeben will, ist als evolutionärer Heimatkundler nicht schlecht beraten.
Und dann ist da noch die Ausrichtung nach vorne:

+ Heimatkunde, besonders für Erwachsene. Weil sie den Kindern zeigen müssen, wie die Stadt funktioniert, in der alle leben. Oder die Methode des praktischen Erkenntnisgewinns weiter geben müssen.

+ Es wird /soll viel Feldunterricht geben (wenn es nicht gar ausschließlich feldunterricht ist) – wie kannn ein Lehrer dies leisten? Welche Pädagokik benötigen wir dafür? Wenn es keine Lehrer dafür gibt, könnte es auch ein Freiwilliger sein? Und wie müsste dieser Freiiwillige auftreten, um ausreichend Echo in Form von Zuhörern, Mitmachern und Medien-Multiplikatoren zu erhalten?

Quellen, Links und Wurzeln

Der Erfinder des Begriffes: “Heimatkunde”

(Quelle Wikipedia) Christian Wilhelm Harnisch, (* 28.08. 1787 in Wilsnack bei Wittenberge; † 15. August 1864 in Berlin) war ein deutscher Theologe und Pädagoge. Er gilt auch als „Vater der Heimatkunde“ (bei ihm noch „Heimathskunde“, 1816)

Schulunterricht und Begrifflichkeit: “Heimatkunde”

(Quelle Wikipedia)
Das Fach Heimatkunde bezeichnet ursprünglich die primär nahräumlich-geographisch geprägten Bildungsinhalte der Volksschule. In vielen Ländern ist diese Terminologie für die schulische Allgemeinbildung mittlerweile durch den Begriff Sachunterricht abgelöst worden. Es gibt auch Kombinationsformen wie Heimat- und Sachunterricht. Heimatkunde ist aber auch heute noch eine regional übliche Fachbezeichnung, etwa in vielen Kantonen der Schweiz.

Links

Mehr zu den Nebenflüssen des Neckar, unter anderem der Rems bei der kulturregion-stuttgart.de/die-Wasser-des-Neckar/nebenfluesse

Ich selbst versuche, eine neue Art von Heimatkunde und -erlebnis einzurichten. Mehr Infos dazu und aktuelle Mitmach-Angebote unter Landschaft-neckarrems.de Schauen Sie mal rein!


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